Kirche und Religion in Kleists Erzählung “Das Erdbeben von Chili”

Heinrich von Kleists Erzählung „Das Erdbeben von Chili“ aus dem Jahr 1810 kritisiert den Einfluss und das Verhalten der Kirche auf die Gesellschaft. Kleist wählt die Liebe der beiden Protagonisten Josephe und Jeronimo als Erzählgrundlage.

Die Novelle spielt Mitte des 16. Jahrhunderts. Es herrscht das Prinzip der Ständegesellschaft. Die Liebe zwischen einem einfachen Hauslehrer und der Tochter eines Edelmannes ist gesellschaftlich verpönt. So kommt es, dass Josephe schließlich ein Karmeliterkloster, Jeronimo in das Gefängnis muss. Hieraus lässt sich ableiten, dass die Kirche Macht über die gesellschaftlichen Werte hat und diese wesentlich beeinflusst.

Obligatorisch allerdings ist es, die irdische, vom Klerus vermittelte Kirche und die überirdische Instanz Gott klar zu voneinander zu unterscheiden.

Der Klerus fügt den beiden Liebenden Leid zu, indem er sie trennt. Besonders deutlich wird hier die gerade beschriebene Macht der Kirche über die gesellschaftlichen Werte. Sie resultiert aus dem nahezu blinden Vertrauen einer gläubigen Gesellschaft in die Kirchenvertreter.

Gott tritt in der Novelle deutlich in zwei Formen auf: In einer „liebenden bzw. fürsorglichen“ und in eine „strafenden bzw. zynischen“ Form. Die liebende Seite wird z.B. deutlich, als das Erdbeben Jeronimo sowie Josephe vor dem nahen Tod rettet und diese sich daraufhin wiedersehen. Die strafende Form kommt besonders dann zum Ausdruck, als der Einsturz der Kathedrale die Priester sowie Klosterfrauen unter sich begräbt. Allerdings lässt sich keine eindeutige Tendenz der Liebe bzw. Strafe im Sinne einer Parteinahme Gottes feststellen. Es entsteht beinahe der Eindruck einer Willkür.

Auf den Feldern, so weit das Auge reicht, sah man Menschen von allen Ständen durcheinander liegen, […] einander bemitleiden, sich wechselseitig Hülfe reichen, […] als ob das allgemeine Glück alles […] zu einer Familie gemacht hätte.“

(„Das Erdbeben von Chili“)

Das obige Zitat beschreibt die versammelten Menschen auf den Feldern nahe der zerstörten Stadt. Die Menschen sind sich nahe und helfen sich untereinander. Es scheint, als habe das Erdbeben für einen Moment die Ständegesellschaft aufgehoben. Durch das Erdbeben führt Gott die Menschen von einer falschen Gesellschaft, nämlich der Gesellschaft des primitiven Vertrauens in Glaubensvertreter, auf einen Weg göttlicher Gemeinschaft.

Der Konflikt der beiden Protagonisten mit den gesellschaftlichen Konventionen scheint für den Moment des mittellosen Beisammenseins ausgeblendet. Dieser Zustand ändert sich jedoch mit dem Eintreffen eines Hauchs an Normalität, denn sobald die Dankesmesse der Überlebenden abgehalten wird, beginnt der Klerus wieder die Zügel der Gesellschaft in die Hand zu nehmen und hetzt gegen die beiden. Alte gesellschaftliche Verhaltensmuster setzen wieder ein.

Die Masse der Versammelten wirkt fanatisiert und schließlich führt der Klerus indirekt den Tod Josephes sowie Jeronimos herbei. Auffällig ist, dass die Hetze im Rahmen einer Dankesmesse an Gott stattfindet, wohingegen gerade dieser die Hetze stoppen und die ständeübergreifende Liebe gewähren sollte. Auch hier wird also wieder die zwielichtige Rolle des Klerus deutlich.

Abschließend gilt zu sagen, dass die Kirche in der Novelle „Das Erdbeben von Chili“ auch vor dem Hintergrund der französischen Revolution Kritik durch Kleist an der damaligen Gesellschaft und ihrem Vertrauen in den Klerus bzw. den Geistlichen erfährt. Kleist appelliert eher an das selbstständige Denken des Individuums im Sinne des zeitgenössischen Philosophen Immanuel Kant.

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